Entscheidungshilfe für den Patienten

Entscheidungshilfe für den Patienten

Das Angebot ist überwältigend: Rund 600 Anbieter für ästhetische Chirurgie und etwa 1100 Anbieter für Falten- und Hautbehandlungen tummeln sich auf dem Schweizer Markt. Der Titel „Schönheitschirurg“ ist kein geschützter Fachtitel und öffnet die Türen für unseriöse Anbieter. Auf der Gegenseite arbeiten viele qualifizierte Fachärzte wie Plastische Chirurgen, Gesichts- und Kieferchirurgen oder Hals-Nasen-Ohren-Ärzte auf dem Gebiet der ästhetischen Chirurgie. Doch selbst ihre Facharzttitel sind kein Garant dafür, dass der Arzt alle angepriesenen Eingriffe seiner Angebotspalette beherrscht und regelmässig ausführt. Jeder darf alles anbieten. Wie orientiert sich der Patient nun in diesem Überangebot? Wie hält er das Risiko, an einen unqualifizierten und ungeübten Arzt zu gelangen, möglichst tief? Welches ist die passende Operation? Alle diese Fragen hat sich Stephan Hägeli, Geschäftsführer von Acredis, auch gestellt, als sich in seinem Kopf die Idee einer umfassenden Orientierungshilfe formte und 2006 ihren Weg in die Realität fand. Als Hauptinitiant gründete der Ökonom mit Erfahrung im Qualitätsmanagement das Beratungsunternehmen Acredis mit dem Ziel, Transparenz in der Schönheitschirurgie zu schaffen und eine Qualitätssicherung voranzutreiben.

Sichere Ärztewahl

Seit vier Jahren ist das Schweizer Unternehmen Acredis, laut eigenen Aussagen ein „Unabhängiges Beratungszentrum für Plastische und Ästhetische Chirurgie“, in der Branche tätig. Acredis berät Patienten zu allen Fragen rund um das Thema Schönheitschirurgie. Man möchte eine fundierte Orientierungsplattform bieten und die Patienten bei einer sicheren Ärztewahl unterstützen. Damals mit rund 40 Ärzten gestartet, sind mittlerweile gut 100 Ärzte aus der Schweiz und Deutschland bei Acredis akkreditiert. Auf die Frage, weshalb nicht noch mehr Ärzte verzeichnet sind, argumentiert der Geschäftsführer, Stephan Hägeli: „Unser Ziel ist nicht in erster Linie über den gesamten Markt Transparenz zu schaffen. Wir wollen einfach sicherstellen, dass der Interessierte pro Operation mindestens drei bis vier Ärzte zur Auswahl hat – und zwar drei bis vier Experten für seinen Eingriff. Es ist gar nicht möglich, jeden Arzt zu prüfen.“

„Die Champions League der Plastiker“, wie auf der Website von Acredis zu lesen ist. Diese Botschaft findet Catherine Perrin, Geschäftsführerin der Schweizerischen Gesellschaft für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie (SGPRAC) „sehr problematisch“ und verweist auf die Standesordnung der Ärzte, die untersagt, Dienstleistungen zu vermarkten. Sie kritisiert, dass dadurch beim Patienten „falsche Hoffnungen“ geweckt würden: denn die Qualität von Ärzten zu messen und zu bewerten sei problematisch und schwierig. Die Stiftung SPO Patientenschutz unterstützte seit Beginn die Idee von Acredis. Ihre Präsidentin, Margrit Kessler, gibt der Arbeit ein gutes Zeugnis: „Acredis hat es geschafft, Einsicht in die Arbeit von ästhetischen Chirurgen zu nehmen und kann den Kunden die Chirurgin, den Chirurgen empfehlen, der für die gewünschte Operation einen entsprechenden Ausweis hat.“

Das Gütesiegel als Qualitätshinweis

Die Lupe im Firmenlogo von Acredis zeigt den Weg der Qualitätsmessung: die Ärzte unterziehen sich einem strengen Zertifizierungsprozess, zeigen Transparenz und lassen ihre Arbeit, ihre Vorgangsweisen detailliert prüfen. Die Zertifizierung basiert auf einem Katalog von über 300 Prüfkriterien, welcher die verschiedensten Bereiche wie Aus- und Weiterbildung, Fallzahlen, Patientenzufriedenheit oder Dienstleistung umfasst. Erhält der Arzt das Acredis-Gütesiegel wird in einem nächsten Schritt geprüft, für welche schönheitschirurgischen Eingriffe er akkreditiert, sprich empfohlen wird. Hierzu wird unter anderem geprüft, wie oft der Arzt einen bestimmten Eingriff vornimmt. Machen sie diese Operation oft? ist eine häufige Patientenfrage. Sie wird gerne mit der ominösen Zahl 100 beantwortet. Tatsache ist: „es schummeln effektiv fast alle Ärzte“, konstatiert Hägeli. Acredis zählt in der Kontrollarbeit die tatsächlichen Operationszahlen pro Eingriff und kann so ein realistischeres Bild zeichnen. Aber: „unser Ziel ist auch – sonst würde ja nie ein Arzt mitmachen – dass wir ihn mit seinen Schwächen unterstützen und dass alle gemeinsam besser werden“, ergänzt Hägeli. Er gibt auch zu, dass es für einen Arzt in der Agglomeration oder in weniger dicht besiedelten Städten schwieriger sei die gewünschten Fallzahlen zu erreichen als für jemanden, der beispielsweise in einem Ballungszentrum wie Zürich praktiziere.

Wie gehen die Beraterinnen vor, wenn Interessenten nach Ärzten fragen, welche nicht bei Acredis verzeichnet sind? „Wir verhalten uns seriös und neutral“, sagt Stephan Hägeli, „das heißt, wir teilen dem Interessenten mit, dass der Arzt nicht von uns geprüft wurde und wir deshalb keine Aussagen machen können. Es ist eine freiwillige Transparenz, welche uns die Ärzte schenken. Wie beim „Gault Millau“: nur weil ein Restaurant nicht dabei ist, heißt es auch nicht, dass es deswegen schlecht ist.“

Mögliche Schadensfälle umgehen

Insgesamt führte Acredis im vergangenen Jahr mehr als 3000 Beratungen durch, die meisten davon telefonisch. Vermehrt erreichen die Beraterinnen bei Acredis auch Anfragen von verzweifelten Personen, die aufgrund eines unbefriedigenden Operationsergebnisses Rat suchen. „Seit drei Jahren schickt die Patientenorganisation die Problemfälle zu uns. Diese Fälle beraten wir, wenn immer möglich, persönlich, weil dort sehr viel Angst, Sorge und Frustration vorhanden ist“, so Hägeli. Margrit Kessler, Präsidentin der Stiftung SPO Patientenschutz meint dazu: „Wir sind froh, dass es Acredis gibt. Dort finden wir immer wieder aufrichtige Gutachter, wenn etwas schiefgelaufen ist.“ Die ganze Problematik der Schadensfälle und Kunstfehler jedoch nur auf die Ärzte abzuwälzen wäre eine einseitige Kritik. So benennt auch Kessler, dass die Wünsche der Kunden oft sehr hoch seien und das Ergebnis der Wunschvorstellung nicht gerecht werden könne. Ein unschönes Resultat sei aber nicht immer auf die Arbeit des Chirurgen zurückzuführen; so könnten beispielsweise auch Nachblutungen oder Infekte das Resultat negativ beeinflussen. Auch Hägeli spricht von einem klassischen Restrisiko für den Patienten und führt aus: „Es gibt einen Input und einen Output der Qualität, in der Mitte steht das einzelne Operieren. Was wir messen können ist der Input: das heißt, erfüllt der Arzt mit höchster Wahrscheinlichkeit alle Voraussetzungen, damit die Qualität bezüglich Medizin und Services mit hoher Wahrscheinlichkeit entsteht? Wir messen auch den Output, die Patientenzufriedenheit.“ Man könne beispielsweise nicht messen, ob der Arzt bei jedem Patienten die Indikation richtig stelle, das gehe nicht. Aber: „Bei der Indikationsstellung empfehlen wir strikte, dass der Patient eine Zweitmeinung bei einem anderen Arzt einholt“, betont Stephan Hägeli von Acredis. Mit all den nötigen Informationen, der Zertifizierung und den Informationen aus den Umfragen zur Patientenzufriedenheit, erreiche der Patient doch beachtliche 90-95% an Sicherheit, fasst Hägeli zusammen. Die Frage „Wie finde ich einen guten Arzt?“ kann der Patient nun möglicherweise mit einem besseren Gefühl beantworten.

Bild: BestInPlastics CC-BY-SA 3.0